Der Soldatenhandel und der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg
1776-1783
Zu einer der herausragendsten Episoden der Geschichte Hessens gehört sicherlich die ab dem Jahre 1776 erfolgte Entsendung von Truppen der Landgrafschaft Hessen-Kassel in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Über dieses oft mit dem Begriff ”Soldatenhandel” umschriebene Ereignis wird seit dem in der Geschichtsforschung auf unterschiedliche und sehr gegensätzliche Weise geurteilt. Dabei wird oft übersehen, daß die Vermietung von Militär an fremde Staaten und Herrscher im 18. Jahrhundert gang und gäbe war.
Nachdem auch in der Landgrafschaft Hessen-Kassel unter Landgraf Carl (1670-1730) im späten 17. Jahrhundert ein stehendes Heer errichtet worden war, nahmen hessische Truppen bis in die napoleonische Zeit hinein an allen größeren europäischen Kriegen hauptsächlich als vermietete Subsidientruppen teil. Hessen-Kassel zählte zu den Staaten mittlerer Größe des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nationen, seit die Erbteilung im Jahre 1567 zu zwei hessischen Staaten mit Residenzen in Kassel bzw. Darmstadt geführt hatte. Der Mangel an natürlichen Ressourcen und die ungünstige geographische Lage des Staatsgebietes machten das anerkannt gute Militär zu dem einzigen Machtmittel, mit dessen Hilfe die Kasseler Landgrafen versuchen konnten, sich einen Platz im Konzert der europäischen Großmächte zu sichern. Die Vermietung von Truppen an andere Staaten sollte dazu dienen, die politische Stellung Hessen-Kassels und damit seines Fürsten innerhalb Europas zu stärken und zu verbessern.
Zudem war Hessen-Kassel im 18. Jahrhundert das Land mit dem wohl höchsten Anteil von Soldaten an der Gesamtbevölkerung und lag in dieser Hinsicht sogar noch vor Preußen. Das verhältnismäßig große Heer konnte aber wiederum nur durch die Vermietung an fremde Mächte unterhalten werden, da die eigenen finanziellen Möglichkeiten dazu nicht ausreichten. Die Landgrafschaft Hessen-Kassel, deren Territorium etwa dem heutigen Nordhessen entsprach, war aufgrund der ungünstigen naturräumlichen Begebenheiten (viele Mittelgebirgsregionen mit ausgedehnten Wäldern, wenig fruchtbare Böden, rauhes Klima) ein relativ armes Land. So wurden die Einnahmen durch die Vermietung der Armee zur wichtigsten Finanzquelle der Landgrafschaft. Die Versorgung der Armee mit Uniformierung, Ausrüstung und Verpflegung war überdies ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Bevölkerung. Die finanzielle Abhängigkeit Hessen-Kassels von der Armee ging so weit, daß Landgraf Wilhelm VIII. (1751-1760) seine Armee das Peru Hessens nannte.
Die Kehrseiten des Subsidiengeschäfts waren neben den Opfern der militärischen Einsätze ein bisweilen spürbarer Arbeitskräftemangel und das immer umfassendere Eingreifen der Behörden in das Leben der Bevölkerung, mit dem Ziel, die Rekrutierung effizienter zu gestalten.
Von den fast vierzig Subsidienverträgen die Kassel bis zum Ende der napoleonischen Kriege schloß, erregte aber keiner ein so nachhaltiges Aufsehen wie der Vertrag vom 15. Januar 1776, aufgrund dessen Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel (1760-1785) seinem Schwager König Georg III. von England 12.000 Mann für den Krieg gegen die revoltierenden amerikanischen Kolonien zur Verfügung stellte. Zwar vermieteten auch andere deutsche Herrscher Truppen an England, darunter auch Friedrichs Sohn Erbprinz Wilhelm IX., der selbständig als Graf von Hanau regierte, doch war das hessische Kontingent mit Abstand das größte. Es bestand aus 15 Infanterie-Regimentern, 4 Grenadier-Bataillonen, 2 Kompanien Feldjägern und dem Artilleriecorps. Dazu kamen später noch drei Kompanien Feldjäger zu Fuß und eine zu Pferd.
Die Gesamtzahl der in Amerika eingesetzten Soldaten der Landgrafschaft Hessen-Kassel betrug mit den 1776 verschifften rund 12.000 Mann und mit den jährlich bis 1782 nachgeschickten Ersatzmannschaften zusammen rund 19.000 Mann. Das ursprüngliche Kontingent bestand fast ausschließlich aus Landeskindern, während für den Ersatz weit überwiegend Nicht-Hessen angeworben wurden. Die Truppenstärke der hessischen Armee schwankte in den sieben Kriegsjahren jeweils zwischen 10.000 und 12.000 Mann. Sie stellte damit rund ein Drittel der königlichen Truppen in Nordamerika (ohne Kanada).
Kampfszene in New York 1776.
Die Verluste der hessischen Truppen betrugen 535 Gefallene und etwa 1300 Verwundete. Die Zahl der Gefallenen sowie der an Verwundungen, Krankheiten und Unfällen gestorbenen Soldaten lag insgesamt bei rund 5000 Mann. Etwa 2600 Mann gerieten in Gefangenschaft, wurden aber größtenteils während oder am Ende des Krieges wieder ausgetauscht.
Nach dem Friedensschluß 1783 kehrte die hessische Armee in einer Stärke von rund 10.500 Mann wieder nach Europa zurück. Etwa 200 Mann waren zuvor auf eigenen Wunsch in Kanada angesiedelt worden, rund 300 waren schon während des Krieges aufgrund von Krankheit, Alter oder Invalidität nach Hause geschickt worden. Somit ergibt sich ein Fehlbestand von rund 3000 Männern die in Amerika - in der Regel unerlaubt - die hessischen Fahnen verlassen haben.
Schon gleich nach der Landung der ersten hessischen Truppen im August 1776 bei New York versuchten die Amerikaner die vermeintlich verkauften Soldaten mit Versprechungen aller Art und durch die Diffamierung ihres ”seelenverkaufenden”, ”geldgierigen” Fürsten zur Desertion zu verleiten. Flugblattaktionen und die gezielte Beeinflussung von gefangenen hessischen Soldaten sollten auf diese Weise das für die Briten wichtige hessische Hilfskorps zur Auflösung bringen, was aber bekanntlich nicht gelang. Die Vermietung als Soldaten an fremde Mächte war für die Hessen nicht ungewöhnlich, neu war für sie jedoch die Verurteilung des Subsidiengeschäfts und die Brandmarkung als Menschenhandel. Die Soldatenhandelsdebatte blieb während des gesamten Krieges ein wichtiges Thema und blieb es in der Geschichte des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und Hessens bis zum heutigen Tage.
Für den heutigen Betrachter erfolgt die Verurteilung des sogenannten Soldatenhandels natürlich zurecht. Man darf dieses Thema aber nicht alleine vom heutigen Standpunkt betrachten, sondern muß es auch an den Maßstäben der Zeit messen. Auf die gängige Praxis des Subsidienwesens im 18. Jahrhundert und auf dessen Bedeutung für Hessen wurde bereits hingewiesen.
Wenn jemand ein Recht hätte den Vertrag von 1776 zu verurteilen, wären dies die jungen Männer aus Ober- und Niederhessen, die als Untertanen des Landgrafen nach Amerika verschifft wurden. Leider gibt es von diesen aus naheliegenden Gründen aber wesentlich weniger schriftliche Hinterlassenschaften als von Offizieren, so daß uns die Gedanken der einfachen Männer weitgehend verborgen bleiben. Man würde erwarten, daß die Hessen scharenweise in Amerika davonliefen, da sie ja schließlich aufgrund ihres Untertanenverhältnisses, d.h. in der Regel unfreiwillig, Soldat geworden waren. Wie auch der amerikanische Kongreß erstaunt feststellen mußte, war dies jedoch nicht der Fall.
Amerikanische
Sicht hessischer Werbung.
Von den insgesamt rund 19000 Männern die in Amerika hessische Uniformen trugen desertierten rund 3000 oder 16 %. Verteilt man die Zahl der Deserteure auf die sieben Jahre des Einsatzes in Amerika von 1776-1783 und geht von einer durchschnittlichen Truppenstärke des hessischen Kontingents von rund 11.000 Mann aus, ergibt sich eine jährliche Desertionsrate von unter 5 %. Um diese Zahl beurteilen zu können sollen folgende Vergleiche angeführt werden:
Während des Ersten Schlesischen Krieges (1744/45) desertierten von der anfänglich 72.000 Mann starken preußischen Armee 1744 auf dem Rückzug aus Böhmen 15.000 Mann oder 21 %.
Die in Irland als Besatzungstruppe stehende britische Armee hatte jedes Jahr rund 1200 Deserteure, was 17 % der Gesamtstärke entsprach.
Im Siebenjährigen Krieg (1756-1763) liefen der hessischen Armee im Jahre 1762, das von schweren Kämpfen in Westdeutschland und besonders in Hessen gekennzeichnet war, rund 10 % ihres 22.000 Mann großen Mannschaftsbestandes weg.
Die Desertionsrate der preußischen Armee lag im selben Krieg, in dem es letztlich um das Überleben des preußischen Staates ging, ebenfalls bei um 10 %.
In dem dem als ”Kartoffelkrieg” bekannten Bayerischen Erbfolgekrieg (1778/79) verlor die preußische Armee von 154.000 Mann insgesamt 16.052 Mann oder 10 % durch Desertion, ohne daß es zu nennenswerten Kampfhandlungen gekommen war.
Die preußische Armee ist dabei mit ihrem innerem Gefüge aus einem Gemisch von dienstpflichtigen Landeskindern und angeworbenen Ausländern gut mit der hessischen zu vergleichen. Die jährliche Desertionsrate der hessischen Armee ist gemessen an den angeführten Beispielen vergleichsweise gering. Zu bedenken ist dabei noch, daß der Ersatz für die hessischen Truppen in Amerika nach 1776 weit überwiegend aus angeworbenen Ausländern - größtenteils Deutsche, die nicht aus Hessen-Kassel stammten - bestand. Viele von diesen hatten sich nur anwerben lassen, um eine billige Überfahrt in die neue Welt zu bekommen, sie sind dann auch bei der ersten passenden Gelegenheit desertiert. Andere haben sich nur unter der Bedingung anwerben lassen bei Kriegsende in Amerika entlassen zu werden. So ist denn auch der Anteil der Ausländer an den hessischen Deserteuren in Amerika überproportional hoch.
Weiterhin ist bemerkenswert, daß über die Hälfte der 3000 Deserteure erst in den Jahren 1781-1783 die hessischen Fahnen verließ, d.h. weitgehend nach Einstellung der Kampfhandlungen. Die Gründe, warum hessische Soldaten in Amerika ihrem Eid gegenüber Landgraf und König die Treue hielten oder nicht, können hier nicht erörtert werden. Festzuhalten bleibt, daß - gemessen an Verhältnissen in anderen europäischen Kriegen - die Zahl der Deserteure in der hessischen Armee unerwartet gering war. Bei anderen deutschen Kontingenten und sogar bei Briten und Amerikanern war das unerlaubte Entfernen von der Truppe ein weitaus größeres Problem.
Auch die blutigen Verluste im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg blieben vergleichsweise gering. Offizieren des hessischen Corps in Amerika, die zuvor schon am Siebenjährigen Krieg teilgenommen hatten oder später die napoleonischen Kriege erlebten, erschien der Feldzug in Amerika meist als ein unblutiges Schauspiel.
Abbildungsnachweis
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1.; 2.; 4; 6. |
Inge Auerbach, Niklot Klüßendorf und Fritz Wolf, Hessen und die amerikanische Revolution 1776. Ausstellung der hessischen Staatsarchive zum Hessentag 1976. Revolution und demokratischer Widerstand in der hessischen Geschichte (Marburg 1976). |
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5. |
John Grafton, The American Revolution. A Picture Sourcebook (New York 1975). |
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3. |
Fritz Wolff, Hessen und die amerikanische Revolution. Frankfurt am Main - Staatliche Landesbildstelle Hessen. Beiheft zur Farblichtbilddreihe der Staatlichen Landesbildstelle Hessen, Beiheft 101 (Frankfurt 1980). |
Literaturauswahl
Rodney Atwood, The Hessians. Mercenaries from Hessen-Kassel in the American Revolution (Cambridge, London, New York, New Rochelle, Melbourne, Sydney 1980).
Inge Auerbach, Niklot Klüßendorf und Fritz Wolf, Hessen und die amerikanische Revolution 1776. Ausstellung der hessischen Staatsarchive zum Hessentag 1976. Revolution und demokratischer Widerstand in der hessischen Geschichte (Marburg 1976).
Inge Auerbach, Die Hessen in Amerika 1776-1783. Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen. Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 105 (Darmstadt, Marburg 1996).
Max von Eelking, Die deutschen Hülfstruppen im nordamerikanischen Befreiungskriege 1776-1783 (Hannover 1863).
Charles W. Ingrao, The Hessian Mercenary State. Ideas, Institutions, and Reforms under Frederick II, 1760-1785 (Cambridge, London, New York, New Rochelle, Melbourne, Sydney 1987).
Friedrich Kapp, Der Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika (1775-1783). Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des achtzehnten Jahrhunderts (Berlin 1864). Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage (Berlin 1874).
Ernst Kipping, Die Truppen von Hessen-Kassel im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776-1783. Beiträge zur Wehrforschung 7 (Darmstadt 1965).
Philipp Losch, Soldatenhandel. Mit einem Verzeichnis der Hessen-Kasselischen Subsidienverträge und einer Bibliographie (Kassel 1933). (Neuauflage Kassel 1974).
Edward J. Lowell, The Hessians and other German Auxiliaries of Great Britain in the Revolutionary War (New York 1884). Nachdruck New York 1965 und Williamstown 1970. Deut. Übersetzung: Edward J. Lowell, Die Hessen und die anderen deutschen Hülfstruppen im Kriege Grossbritanniens gegen Amerika, 1776-1783, hrsg. von O. C. Freiherr von Verschuer (Braunschweig, Leipzig 1901).
H. D. Schmidt, The Hessian Mercenaries: The Career of a Political Cliché. History N.S. 43, Okt. 1958, 207-212.
Peter K. Taylor, Indentured to Liberty. Peasant Life and the Hessian Military State, 1688-1815 (Ithaca, London 1994).