Vor 225 Jahren zogen Marburger und Frankenberger nach Amerika

 

Als im Juni 1775 nach jahrelangen Differenzen zwischen der britischen Regierung und den nordamerikanischen Kolonisten ein bewaffneter Konflikt ausbrach, sah sich England gezwungen, für eine möglichst schnelle „Mobilmachung“ fremde Truppen anzuwerben. Dies war auch in allen anderen Kriegen seit dem 17. Jahrhundert für England notwendig gewesen, da das Parlament die britische Armee als potentielle Gefahr für die parlamentarische Verfassung ansah und sie deshalb im Frieden auf möglichst kleinem Stand hielt.

Auch für den bevorstehenden Krieg um die amerikanische Unabhängigkeit griff England auf die üblichen „Anbieter“ im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen zurück. Im Dezember 1775 wurde der britische Verhandlungsführer in Kassel vorstellig, am 31. Januar 1776 ein Subsidienvertrag im Namen von König Georg III. von Großbritannien und Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel abgeschlossen, zu Gunsten Hessens aber auf den 15. Januar zurückdatiert. Aufgrund des Vertrages wurden rund 12000 hessische Soldaten der Krone Englands zur Verfügung gestellt. Obwohl Hessen-Kassel und andere Länder schon früher vergleichbare Verträge geschlossen hatten und später noch weitere folgten, führte doch dieser spezielle Vertrag zu einer bis heute andauernden Diskussion um den sogenannten Soldatenhandel. Hier ist nicht der Platz in diese Diskussion einzusteigen, es soll jedoch angemerkt werden, dass es sich bei den Subsidienverträgen um Vermietungen, nicht um Verkäufe handelte und dass die Soldaten stets unter eigener Gerichtsbarkeit und dem Kommando eigener Offiziere - teilweise sogar Angehörigen des Herrscherhauses - standen.

Das in Marburg in Garnison liegende Infanterie-Regiment, das seit 1766 den Namen „Füsilier-Regiment von Ditfurth“ trug, hatte seit seiner Errichtung im Jahre 1702 mit den anderen hessischen Truppen aufgrund der zahlreichen Subsidienverträge an fast allen europäischen Kriegen teilgenommen. So ging denn wie in allen hessischen Garnisonsorten auch in Marburg am 11. Januar 1776 der Befehl ein, die nach Hause beurlaubten Soldaten einzuholen und die Kompanien mit neuen Rekruten aufzustocken.

In der Landgrafschaft Hessen-Kassel bestand eine Art allgemeine Wehrpflicht, die sich aus dem Untertanenverhältnis der Bevölkerung gegenüber dem Herrscherhaus ableitete. Seit 1762 hatte jedes Regiment der hessischen Armee einen bestimmten Bezirk (Kanton), der ihm zur Ergänzung des Mannschaftsbestandes zur Verfügung stand. Bestimmte Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten waren vom Militärdienst befreit, ansonsten konnte jeder männliche Untertan im Alter von 16 bis 30 Jahren als Rekrut gemustert und einberufen werden.

Bei der Aufstockung der Regimenter während der Feldzugsvorbereitungen im Januar 1776 wurde großer Wert darauf gelegt, nur „entbehrliche, jedoch zum Dienst geschickte Leute“ auszuwählen. Aktive Soldaten, die für das Wirtschaftsleben oder den Unterhalt ihrer Familien „unabkömmlich“ waren, sollten möglichst gegen „abkömmliche“ junge Rekruten ausgetauscht werden. Demzufolge setzten sich die einfachen Soldaten größtenteils aus nachgeborenen Bauernsöhnen, Tagelöhnern und „niederen“ Handwerkern zusammen.

Der Kanton des Regiments von Ditfurth lag im Bereich der Altkreise Marburg und Frankenberg und umfasste Gericht Kaldern und Reizberg, Amt Marburg, Stadt und Amt Wetter, Gericht Schönstadt sowie Stadt und Amt Frankenberg. Dieses Gebiet umfasste die heutigen Gemeinden und Städte Lahntal, Cölbe, Wetter, Münchhausen, Burgwald, Frankenberg mit Stadtteilen, fast alle der nach Marburg eingemeindeten Ortschaften, einige Dörfer von Ebsdorfergrund und Weimar sowie einzelne Dörfer anderer angrenzender Gemeinden.

Das Gebiet des Altkreises Biedenkopf sowie der nördliche und westliche Teil des Altkreises Frankenberg gehörten zu Hessen-Darmstadt, das Gebiet des Altkreises Waldeck zum Fürstentum Waldeck, das selbst Soldaten an England vermietete. Im Osten des Altkreises Marburg gehörten einige Orte zum Kurfürstentum Mainz. Aus diesen Gebieten gingen lediglich einzelne Männer als Freiwillige zu den hessischen Truppen, nicht jedoch als Untertanen des kasseler Landgrafen. Andere Orte der Altkreise Marburg und Frankenberg gehörten zu den Werbekantonen anderer hessischer Regimenter.

Die Stadt Marburg (ohne die modernen Eingemeindungen) war „von der Werbung befreit“, ihre Bürger mussten also keinen Militärdienst leisten, lediglich die Artillerie durfte „ganz entbehrliche und freiwillige junge Leute“ aus Marburg annehmen. Die Stadt nutzte aber die ab 1777 jährlich aus Hessen abgehenden Rekrutentransporte für die Truppen in Amerika zum „Abschieben“ von Personen, die ihr unliebsam waren. Auch versuchten einige Marburgerinnen bei dieser Gelegenheit ihre prügelwütigen und trinksüchtigen Ehemänner loszuwerden.

Am 11. Februar 1776, vor nunmehr 225 Jahren, marschierte das Regiment von Ditfurth von Marburg los, wozu das während des Feldzuges geführte Kriegstagebuch lapidar bemerkt: „Nachdem alles zu dem bevorstehenden Feldzuge in gröster Eyle, nach der erhaltenen Ordre ware vorbereitet worden; so brach das hochlöbliche Regiment von Dittfourth, alß ein Theill, von dem der Crone Engelland in Subsidien gegebenes Corps, aus seiner bisherigen Garnison Marburg auf“. Es ging zunächst nach Kassel „woselbst aber daßelbe auf der Rennbahne auf marchiren muste, und daselbst erst von Herrn Landgraffen Hochfürstlicher Durchlaucht in hohen Augenschein genommen wurde“.

Das Regiment war in fünf Kompanien gegliedert und besaß beim Ausmarsch eine Sollstärke von 20 Offizieren, 60 Unteroffizieren, 15 Tambouren (Trommler), 5 Feldschere (Ärzte) und 525 Gemeinen. Dazu kamen die meist für Verwaltungsaufgaben zuständigen 15 Personen des Unterstabes, 15 „Zelt- und Wagenknechte“ und je ein Diener für die Offiziere sowie eine Anzahl „Soldatenweiber“.

Eine sechste Kompanie des Regiments von Ditfurth, die Grenadierkompanie, war mit einer Sollstärke von 4 Offizieren, 11 Unteroffizieren, 2 Pfeifern, 3 Tambouren ,105 Grenadieren und 1 Feldscher bereits 20 Tage vor dem Regiment von Marburg aufgebrochen und nach Immenhausen nördlich von Kassel marschiert. Dort wurde sie mit den Grenadieren von drei anderen Regimentern zum Grenadier-Bataillon von Minnigerode formiert. Die Grenadiere hatten einen gewissen Elitestatus und sollten deshalb auf Wunsch der Briten gesondert eingesetzt werden.

Bei den 12000 hessischen Soldaten, die 1776 aus Hessen aufbrachen, handelte es sich fast ausschließlich um Männer, die in der Landgrafschaft Hessen-Kassel geboren und aufgrund der oben geschilderten Umstände militärdienstpflichtig waren. Unter den Unteroffizieren, Spielleuten und Gemeinen der Grenadierkompanie des Regiments von Ditfurth befanden sich z. B. nur 9 „Ausländer“, die als Freiwillige aus anderen Teilen des heutigen Hessens und Deutschlands stammten. Etwas mehr als ein Drittel der Grenadiere war schon 1775 bei der Kompanie gewesen, ein weiteres gutes Drittel war im Zuge der Feldzugsvorbereitungen von anderen Kompanien des Regiments zur Grenadierkompanie gekommen. Die Masse der Landeskinder unter den Grenadieren stammte aus dem oben umrissenen Werbekanton des Regiments von Ditfurth im Raum Marburg-Frankenberg, einige als Freiwillige aus der Stadt Marburg. Die anderen kamen aus Orten in der näheren Umgebung, die eigentlich zu Kantonen anderer Regimenter gehörten, einige von entfernteren Orten in der Landgrafschaft. Bei diesen handelt es sich um ältere Soldaten, die wohl schon während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) zum Regiment gekommen waren. Das Durchschnittsalter der Grenadiere lag bei etwa 28 Jahren, die Unteroffiziere waren dagegen im Durchschnitt etwa 10 Jahre älter.

Die Marschroute zwischen Marburg und dem Einschiffungsort Bremerlehe (heute Teil von Bremerhaven) war rund 470-480 km lang. Diese Strecke wurde zu Fuß in fünf Etappen zu 3 Tagen und einer Etappe zu 2 Tagen, also in 17 Marschtagen zurückgelegt. Auf der ersten Hälfte der Strecke mussten Tagesleistungen von 30-40 km erbracht werden, in der zweiten Hälfte wurden pro Tag 20-30 km zurückgelegt. Zwischen den Etappen wurde jeweils ein Rasttag zur Erholung der Männer eingeschoben. Das Tagebuch des Regiments vermerkt „die Weege waren alle sehr böse“. Zieht man dazu noch in Betracht, dass der Marsch in den Monaten Februar und März erfolgte und dass die Soldaten außer Zelten und Kochgeräten ihre gesamte Ausrüstung und Habe selbst tragen mussten, kann man einschätzen, welche körperlichen Leistungen damals erbracht wurden. Abends wurde in Dörfern am Rande der Marschroute Quartier bezogen, wobei die betroffene Bevölkerung ihre Unkosten ersetzt bekam.

Wie zeitgenössische Briefe und Tagebücher zeigen, wussten offenbar selbst die Offiziere beim Ausmarsch aus Hessen noch nicht, wohin der bevorstehende Feldzug führen würde. Erst allmählich wurde deutlich, dass man nicht als Ersatz für britische Regimenter auf die britischen Inseln, nach Gibraltar oder Minorca kommen würde, sondern dass Amerika das Ziel der Reise war.

Passiert wurden auf dem Marsch u. a. die Städte Göttingen und Hannover, durch Bremen zog das Regiment „en Parade, woselbst aber daßelbe von der Menge herbey gelauffener Neugieriger Zuschauer, kaum platz zum durch marchiren hatte“. Als die Grenadiere des Regiments später mit „klingendem Spiel“ durch Bremen kamen, war „die Zahl der Zuschauer unzählbar, ...ja sogar drungen sich einige zwischen die Glieder, und bedauerten unsere so weite Reiße, mit dem Zusatz es wäre doch ewig schade, daß so schöne Leuthe als die Grenadiere wären, von den Wilden in America verzehrt werden solten“.

Nach der Ankunft am Einschiffungsort Bremerlehe am 17. März wurde das Regiment noch einige Tage in umliegenden Dörfern einquartiert. Am 21. März wurde es durch einen englischen Oberst gemustert und unter Beibehaltung des Eides auf den Landgrafen von Hessen-Kassel auch auf den König von England vereidigt. Am 23. März wurde das Regiment schließlich auf 4 englische Transportschiffe eingeschifft. Wegen widrigen Windes konnte die Flotte mit der ersten Division der für Amerika bestimmten hessischen Truppen erst am 17. April 1776 absegeln, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Was das Schicksal für die hessischen Soldaten bereithielt, soll exemplarisch an der Grenadierkompanie des Regiments von Ditfurth gezeigt werden: Von den einfachen Soldaten, die 1776 von Marburg aufbrachen, sind in Amerika 15 Männer an Krankheiten gestorben, 17 sind gefallen oder an Verwundungen gestorben, 5 wurden aufgrund von Invalidität vorzeitig nach Europa zurückgeschickt und verabschiedet, 1 Mann wurde in Amerika verabschiedet, 6 sind desertiert. Die übrigen, die fast zwei Drittel des ursprünglichen Mannschaftsbestandes ausmachten, kamen im Mai 1784, 8 Jahre nach ihrem Aufbruch von Marburg, wieder nach Hessen zurück.

Marcus Jae

 

 

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Stand: 30. Januar 2003