
Vor
225 Jahren zogen Marburger und Frankenberger nach Amerika
Als
im Juni 1775 nach jahrelangen Differenzen zwischen der britischen Regierung und
den nordamerikanischen Kolonisten ein bewaffneter Konflikt ausbrach, sah sich
England gezwungen, für eine möglichst schnelle „Mobilmachung“ fremde
Truppen anzuwerben. Dies war auch in allen anderen Kriegen seit dem 17.
Jahrhundert für England notwendig gewesen, da das Parlament die britische Armee
als potentielle Gefahr für die parlamentarische Verfassung ansah und sie
deshalb im Frieden auf möglichst kleinem Stand hielt.
Das in Marburg in Garnison liegende Infanterie-Regiment, das seit 1766 den Namen
„Füsilier-Regiment von Ditfurth“ trug, hatte seit seiner Errichtung im
Jahre 1702 mit den anderen hessischen Truppen aufgrund der zahlreichen
Subsidienverträge an fast allen europäischen Kriegen teilgenommen. So ging
denn wie in allen hessischen Garnisonsorten auch in Marburg am 11. Januar 1776
der Befehl ein, die nach Hause beurlaubten Soldaten einzuholen und die Kompanien
mit neuen Rekruten aufzustocken.
In der Landgrafschaft Hessen-Kassel bestand eine Art allgemeine Wehrpflicht, die
sich aus dem Untertanenverhältnis der Bevölkerung gegenüber dem Herrscherhaus
ableitete. Seit 1762 hatte jedes Regiment der hessischen Armee einen bestimmten
Bezirk (Kanton), der ihm zur Ergänzung des Mannschaftsbestandes zur Verfügung
stand. Bestimmte Berufsgruppen und Gesellschaftsschichten waren vom Militärdienst
befreit, ansonsten konnte jeder männliche Untertan im Alter von 16 bis 30
Jahren als Rekrut gemustert und einberufen werden.
Bei der Aufstockung der Regimenter während der Feldzugsvorbereitungen im Januar
1776 wurde großer Wert darauf gelegt, nur „entbehrliche, jedoch zum Dienst
geschickte Leute“ auszuwählen. Aktive Soldaten, die für das Wirtschaftsleben
oder den Unterhalt ihrer Familien „unabkömmlich“ waren, sollten möglichst
gegen „abkömmliche“ junge Rekruten ausgetauscht werden. Demzufolge setzten
sich die einfachen Soldaten größtenteils aus nachgeborenen Bauernsöhnen,
Tagelöhnern und „niederen“ Handwerkern zusammen.
Der Kanton des Regiments von Ditfurth lag im Bereich der Altkreise Marburg und
Frankenberg und umfasste Gericht Kaldern und Reizberg, Amt Marburg, Stadt und
Amt Wetter, Gericht Schönstadt sowie Stadt und Amt Frankenberg. Dieses Gebiet
umfasste die heutigen Gemeinden und Städte Lahntal, Cölbe, Wetter, Münchhausen,
Burgwald, Frankenberg mit Stadtteilen, fast alle der nach Marburg eingemeindeten
Ortschaften, einige Dörfer von Ebsdorfergrund und Weimar sowie einzelne Dörfer
anderer angrenzender Gemeinden.
Das Gebiet des Altkreises Biedenkopf sowie der nördliche und westliche Teil des
Altkreises Frankenberg gehörten zu Hessen-Darmstadt, das Gebiet des Altkreises
Waldeck zum Fürstentum Waldeck, das selbst Soldaten an England vermietete. Im
Osten des Altkreises Marburg gehörten einige Orte zum Kurfürstentum Mainz. Aus
diesen Gebieten gingen lediglich einzelne Männer als Freiwillige zu den
hessischen Truppen, nicht jedoch als Untertanen des kasseler Landgrafen. Andere
Orte der Altkreise Marburg und Frankenberg gehörten zu den Werbekantonen
anderer hessischer Regimenter.
Die Stadt Marburg (ohne die modernen Eingemeindungen) war „von der Werbung
befreit“, ihre Bürger mussten also keinen Militärdienst leisten, lediglich
die Artillerie durfte „ganz entbehrliche und freiwillige junge Leute“ aus
Marburg annehmen. Die Stadt nutzte aber die ab 1777 jährlich aus Hessen
abgehenden Rekrutentransporte für die Truppen in Amerika zum „Abschieben“
von Personen, die ihr unliebsam waren. Auch versuchten einige Marburgerinnen bei
dieser Gelegenheit ihre prügelwütigen und trinksüchtigen Ehemänner
loszuwerden.
Am 11. Februar 1776, vor nunmehr 225 Jahren, marschierte das Regiment von
Ditfurth von Marburg los, wozu das während des Feldzuges geführte
Kriegstagebuch lapidar bemerkt: „Nachdem alles zu dem bevorstehenden Feldzuge
in gröster Eyle, nach der erhaltenen Ordre ware vorbereitet worden; so brach
das hochlöbliche Regiment von Dittfourth, alß ein Theill, von dem der Crone
Engelland in Subsidien gegebenes Corps, aus seiner bisherigen Garnison Marburg
auf“. Es ging zunächst nach Kassel „woselbst aber daßelbe auf der
Rennbahne auf marchiren muste, und daselbst erst von Herrn Landgraffen Hochfürstlicher
Durchlaucht in hohen Augenschein genommen wurde“.
Das Regiment war in fünf Kompanien gegliedert und besaß beim Ausmarsch eine
Sollstärke von 20 Offizieren, 60 Unteroffizieren, 15 Tambouren (Trommler), 5
Feldschere (Ärzte) und 525 Gemeinen. Dazu kamen die meist für
Verwaltungsaufgaben zuständigen 15 Personen des Unterstabes, 15 „Zelt- und
Wagenknechte“ und je ein Diener für die Offiziere sowie eine Anzahl
„Soldatenweiber“.
Eine sechste Kompanie des Regiments von Ditfurth, die Grenadierkompanie, war mit
einer Sollstärke von 4 Offizieren, 11 Unteroffizieren, 2 Pfeifern, 3 Tambouren
,105 Grenadieren und 1 Feldscher bereits 20 Tage vor dem Regiment von Marburg
aufgebrochen und nach Immenhausen nördlich von Kassel marschiert. Dort wurde
sie mit den Grenadieren von drei anderen Regimentern zum Grenadier-Bataillon von
Minnigerode formiert. Die Grenadiere hatten einen gewissen Elitestatus und
sollten deshalb auf Wunsch der Briten gesondert eingesetzt werden.
Bei den 12000 hessischen Soldaten, die 1776 aus Hessen aufbrachen, handelte es
sich fast ausschließlich um Männer, die in der Landgrafschaft Hessen-Kassel
geboren und aufgrund der oben geschilderten Umstände militärdienstpflichtig
waren. Unter den Unteroffizieren, Spielleuten und Gemeinen der Grenadierkompanie
des Regiments von Ditfurth befanden sich z. B. nur 9 „Ausländer“, die als
Freiwillige aus anderen Teilen des heutigen Hessens und Deutschlands stammten.
Etwas mehr als ein Drittel der Grenadiere war schon 1775 bei der Kompanie
gewesen, ein weiteres gutes Drittel war im Zuge der Feldzugsvorbereitungen von
anderen Kompanien des Regiments zur Grenadierkompanie gekommen. Die Masse der
Landeskinder unter den Grenadieren stammte aus dem oben umrissenen Werbekanton
des Regiments von Ditfurth im Raum Marburg-Frankenberg, einige als Freiwillige
aus der Stadt Marburg. Die anderen kamen aus Orten in der näheren Umgebung, die
eigentlich zu Kantonen anderer Regimenter gehörten, einige von entfernteren
Orten in der Landgrafschaft. Bei diesen handelt es sich um ältere Soldaten, die
wohl schon während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) zum Regiment
gekommen waren. Das Durchschnittsalter der Grenadiere lag bei etwa 28 Jahren,
die Unteroffiziere waren dagegen im Durchschnitt etwa 10 Jahre älter.
Die Marschroute zwischen Marburg und dem Einschiffungsort Bremerlehe (heute Teil
von Bremerhaven) war rund 470-480 km lang. Diese Strecke wurde zu Fuß in fünf
Etappen zu 3 Tagen und einer Etappe zu 2 Tagen, also in 17 Marschtagen zurückgelegt.
Auf der ersten Hälfte der Strecke mussten Tagesleistungen von 30-40 km erbracht
werden, in der zweiten Hälfte wurden pro Tag 20-30 km zurückgelegt. Zwischen
den Etappen wurde jeweils ein Rasttag zur Erholung der Männer eingeschoben. Das
Tagebuch des Regiments vermerkt „die Weege waren alle sehr böse“. Zieht man
dazu noch in Betracht, dass der Marsch in den Monaten Februar und März erfolgte
und dass die Soldaten außer Zelten und Kochgeräten ihre gesamte Ausrüstung
und Habe selbst tragen mussten, kann man einschätzen, welche körperlichen
Leistungen damals erbracht wurden. Abends wurde in Dörfern am Rande der
Marschroute Quartier bezogen, wobei die betroffene Bevölkerung ihre Unkosten
ersetzt bekam.
Wie zeitgenössische Briefe und Tagebücher zeigen, wussten offenbar selbst die
Offiziere beim Ausmarsch aus Hessen noch nicht, wohin der bevorstehende Feldzug
führen würde. Erst allmählich wurde deutlich, dass man nicht als Ersatz für
britische Regimenter auf die britischen Inseln, nach Gibraltar oder Minorca
kommen würde, sondern dass Amerika das Ziel der Reise war.
Passiert wurden auf dem Marsch u. a. die Städte Göttingen und Hannover, durch
Bremen zog das Regiment „en Parade, woselbst aber daßelbe von der Menge
herbey gelauffener Neugieriger Zuschauer, kaum platz zum durch marchiren
hatte“. Als die Grenadiere des Regiments später mit „klingendem Spiel“
durch Bremen kamen, war „die Zahl der Zuschauer unzählbar, ...ja sogar
drungen sich einige zwischen die Glieder, und bedauerten unsere so weite Reiße,
mit dem Zusatz es wäre doch ewig schade, daß so schöne Leuthe als die
Grenadiere wären, von den Wilden in America verzehrt werden solten“.
Nach der Ankunft am Einschiffungsort Bremerlehe am 17. März wurde das Regiment
noch einige Tage in umliegenden Dörfern einquartiert. Am 21. März wurde es
durch einen englischen Oberst gemustert und unter Beibehaltung des Eides auf den
Landgrafen von Hessen-Kassel auch auf den König von England vereidigt. Am 23. März
wurde das Regiment schließlich auf 4 englische Transportschiffe eingeschifft.
Wegen widrigen Windes konnte die Flotte mit der ersten Division der für Amerika
bestimmten hessischen Truppen erst am 17. April 1776 absegeln, einer ungewissen
Zukunft entgegen.
Was das Schicksal für die hessischen Soldaten bereithielt, soll exemplarisch an
der Grenadierkompanie des Regiments von Ditfurth gezeigt werden: Von den
einfachen Soldaten, die 1776 von Marburg aufbrachen, sind in Amerika 15 Männer
an Krankheiten gestorben, 17 sind gefallen oder an Verwundungen gestorben, 5
wurden aufgrund von Invalidität vorzeitig nach Europa zurückgeschickt und
verabschiedet, 1 Mann wurde in Amerika verabschiedet, 6 sind desertiert. Die übrigen,
die fast zwei Drittel des ursprünglichen Mannschaftsbestandes ausmachten, kamen
im Mai 1784, 8 Jahre nach ihrem Aufbruch von Marburg, wieder nach Hessen zurück.
Marcus Jae